aktuelle Projekte
 

SCHICHTWECHSEL.Kunst aus 40 Jahren DDR. Eine Ausstellung des Kunstarchivs Beeskow in Eisenhüttenstadt vom 19.01. bis 24.02.2013
Sozialistischer Realismus und neuer Mensch?
1950er Jahre

Neben der Beschäftigung mit der Nachkriegssituation und der eigenen Mitschuld an der Katastrophe thematisieren Künstler in der Sowjetischen Besatzungszone v. a. die Gefährdung des Humanen und die Selbstbefragung in zahlreichen Selbstporträts. Es werden Zustände reflektiert, die der 1987 verstorbene Leipziger Kunsthistoriker Karl Max Kober mit „seelischer Inventur unter äußerem und innerem Zwang“ vergleicht. Dennoch kann von einer hoffnungsvollen, gleichwohl kurzen Nachkriegs-Kunstentwicklung gesprochen werden, in der u. a. versucht wurde, an der seit 1933 verfemten Moderne anzuknüpfen.
Seit 1946 wird nach dem Willen Stalins und der KPD der Sozialistische Realismus als Schaffensmethode und der neue Menschentypus als Zielsetzung verordnet. Die Staatliche Kunstkommission der Sowjetischen Besatzungszone empfiehlt Albrecht Dürers Werk und Tendenzen des kritischen Realismus des 19. Jahrhunderts als vorbildhaft. Die Figur des werktätigen Menschen wird zu Ikone, zum Helden der sozialistischen Bewegung stilisiert. Daneben gelten der Aufbau von Industriewerken, die Kollektivierung der Landwirtschaft, die Freundschaft zur Sowjetunion und die politisch und wirtschaftliche Abgrenzung gegenüber Westdeutschland als Themenschwerpunkte in der künstlerischen Auseinandersetzung. Der 1949 gegründete Kulturfonds - Steuerungsinstrument der SED zum Ankauf von Kunstwerken und zur Auftragsvergabe an Künstler – dient der sozialen Absicherung der Künstler ebenso wie ihrer politischen Bevormundung.
Die 1950er und 1960er Jahre in der DDR sind wesentlich geprägt vom Kampf gegen die so genannte westliche Dekadenz und von einer Kunst, die den Bürgern als Werte vermittelnde Bildungs- und Erziehungsofferte verordnet wird.
„Kunst ist Waffe“, ein linkes Vehikel aus der Weimarer Zeit, gründend auf weltanschaulicher Position, führt bereits 1948 zu polemischer, ideologisch motivierter Auseinandersetzung gegen jede Erscheinung moderner Kunst. Expressionisten, Surrealisten oder Abstrakte werden unterschiedslos zu „Formalisten“ und den Realisten gegenübergestellt. Waren in der
I. Deutschen Kunstausstellung 1946 in Dresden mit Ausnahme der englischen noch Werke von Künstlern aus allen Besatzungszonen zu betrachten, so setzte bereits mit der zweiten Ausstellung 1949 eine rigorose Abgrenzung ein.
Zum zweiten Mal nach 1933 kam es zur Absage an die internationalen Moderne und an ihrer Statt zu einem ästhetischen Sonderweg, der seiner sozialen Intention wegen von den meisten Rezipienten als erkennbar eingestuft und demzufolge beifällig aufgenommen wurde. Der Kalte Krieg befördert diese politisch gewollte und von der sowjetischen Besatzungsmacht nachdrücklich beförderte separatistische Entwicklung im Unterschied zu den westlichen Besatzungszonen, wo die Künstler den durch die nationalsozialistische Kunstpolitik diskreditierten Realismusauffassungen mehrheitlich abschwören.

Heile Welt im Schatten der Berliner Mauer – Ankunft im
sozialistischen Alltag? 1960er Jahre

Vor dem ideologischen Diktat der kommunistischen Partei und der politischen Indienststellung der Malerei und Bildhauerei können sich nur wenige Künstler zurückziehen. Trotz Zensur und Repressalien etabliert sich in den Zentren Dresden, Leipzig, Halle und Berlin in den 1960er Jahren eine vielfältige Kunstszene. 1961 wird die von Fritz Cremer kuratierte
Ausstellung Junge Künstler an der Akademie der Künste in Berlin geschlossen. Mit der kulturpolitischen Zielvorgabe des so genannten Bitterfelder Weges, der 1959 und 1964 Künstler in die Betriebe an die Seite der Arbeiter bringt, wo sie das „wahre Leben“ kennen lernen sollen sowie einer streng reglementierten Auftragspolitik soll die enge Bindung an das herbeigesehnte bessere Leben in der DDR fixiert werden. Noch bevor das penetrante Aufbaupathos von einer machtgeschützten Innerlichkeit (Thomas Mann) abgelöst werden kann, wird, angesichts des Ausbleibens der Disziplinierung 1965 eine neue kulturelle Eiszeit ausgerufen. Die allmächtige Partei beschließt ein ideologisches Säuberungsprogramm, um die in Leipzig und andernorts aufkeimenden skeptizistischen und modernistischen Tendenzen auszumerzen.
Bis zum Ende des Jahrzehnts üben sich Künstler noch an der Übereinstimmung mit dem Publikumsgeschmack und den politisch sanktionierten Kunstvorstellungen der SED-Führung wie auch der sowjetischen Besatzungsmacht. Mit der Fortschreibung des biederen Realismusverständnisses der frühen Jahre, das schon unter den Nationalsozialisten den Kunsttenor gegen die wesentlichen Strömungen der Moderne des 20. Jahrhunderts in Deutschland gebildet hatte, wird der kleinbürgerliche Kunstgeschmack breiter Bevölkerungskreise zum entscheidenden Argument der Kulturpolitik gegen eine progressive Entwicklung der bildenden Künste. Dennoch nehmen die Versuche zu, der dogmatischen Enge des sozialistischen Realismus vertraute Bildgattungen privater Provenienz wie Selbstporträts und Freundesbilder oder Liebespaare stärker zu bedienen, ohne die Konjunktur der Arbeiterporträts oder Brigadebilder ernsthaft zu beeinträchtigen.

Moderne als Erbstück und Ende der Schönmalerei?
1970er Jahre

Sozialistische Werke sind nur auf der Basis der sozialistischen Ideologie zu gestalten, und der Schlüssel hierfür ist die ständige ideologische Qualifizierung der Künstler, fordert 1971 der Verbandsfunktionäre und Grafik-Designer Peter Senf. „Dabei darf der Auftrag nicht als administrative Angelegenheit gesehen werden, sondern als ideologisches Leitungsinstrument. Das erfordert vom Auftraggeber Klarheit über die Zweckbestimmung des entstehenden Werkes, eine Abstimmung mit allen davon berührten gesellschaftlichen Interessen sowie eine genaue Kenntnis der geplanten gesellschaftlichen Wirkungsabsichten, sowohl der politisch-ideologischen und der moralisch-ethischen als auch der psychologischen. Unter solchen Bedingungen wird der Auftrag zur ideologischen Vorgabe für den Künstler…“ Zitiert nach: Peter Senf. Aktueller Probleme der Kunst- und Kulturpolitik der DDR, in: „Bildende Kunst“ Heft 8/1971, S. 422 Im Schatten der Berliner Mauer finden, verstärkt seit Mitte der 1970er Jahre, etliche Künstler den Rückweg zur Kunst ohne Bevormundung und erzieherischen Auftrag. Selbst die SED will, nach Abschluss des Grundlagenvertrages zwischen beiden deutschen Staaten 1972 international ein differenzierteres Bild der DDR über die Kunst transportieren. Erich Honeckers Dekret von „Weite und Vielfalt der Handschriften“ lässt vielfach so genannte Problembilder entstehen, die von Literatur und Mythen inspiriert und von Metaphern überladen, Rückversicherung in der Vergangenheit suchen. Die deutsche Geschichte wird reklamiert und über entsprechende „historisierende Weltanschauungskunst“ (Karin Thomas) in den Dienst
der Sache des Sozialismus gestellt. Wie in der Grafik seit Jahren üblich, zieht nun auch in die Malerei eine verstärkte Subjektivität ein, wobei seit Langem aufgestaute Konfliktpotentiale thematisiert werden. Grundlagen hierfür bilden die solide akademische Ausbildung, gestiegenes Selbstbewusstsein der Künstler, Spontaneität, eine formale wie farbdynamische Energie sowie diverse Rückbezüge quer durch die Kunstgeschichte. Das für die Kunst in der DDR zentrale Problem der Erberezeption wird um künstlerische Anleihen der Leitfiguren der klassischen Moderne erweitert und bringt häufig allegorisch-literarische Mehrfigurenbilder
als gesellschaftliche Konfliktdarstellungen hervor. Die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann nach dem Konzert in Köln beendet 1976 die halbherzige kulturpolitische Öffnung. Der Weggang vieler Künstler in die Bundesrepublik am Ende des Jahrzehnts signalisiert deutlich, dass das Projekt einer sich abgrenzenden sozialistischen DDR-Nationalkultur zum Scheitern verurteilt ist.

Agonie des Staates und Verweigerung von Gehorsam und Gefolgschaft 1980er Jahre

Nach den vorsichtigen Öffnungen der 1970er Jahre differenziert sich im darauf folgenden und letzten Jahrzehnt der DDR die Kunstszene soweit aus, dass zwischen williger Auftragserfüllung und totaler Verweigerung, zwischen staatlicher Fürsorge und Ablehnung kulturpolitischer Prämissen, zwischen Nischenphänomenen und Außenseitertum jeglicher
Couleur, alles möglich ist. Gerade die Kunst aus den 1980er Jahren zeugt davon, dass Staat und Gesellschaft in der DDR nicht zusammenfallen, und dass es vor allem Künstler sind, die Missstände aufdecken, an Symptomen laborieren, Freiräume erkunden und Widersprüche zwischen politischen und sozialen Ansprüchen und gesellschaftlicher Wirklichkeit aufdecken.
Dem expressiven Aufschrei mit Verweis auf existenzielle Nöte, allgemeine Zivilisations- und Umweltängste gegenüber steht das Bekenntnis zu Weltabgewandtheit, die traditionelle Befangenheit sowie der Rückzug ins Ästhetische als Bollwerk deutscher Innerlichkeit. Bis zum Ende der DDR entstehen Bilder, die in der europäischen Tradition stehen, die bestimmt sind von der Lust am Malen und von dem Traum, das Leben durch Bilder verändern zu können. Auch der Wegfall der Privilegierung und sozialen Absicherung, die unverhoffte Ankunft im Westen nach der Entlassung aus der staatlichen Vormundschaft, die Freiheit in der Kunst und die Vorboten der ungewohnten Zwänge des Kunstmarktes, hindern viele ostdeutsche Künstler nicht daran, „zeitlose und gegenwärtige Probleme des Menschen mit vertrauten formalen Mitteln (weiterhin) darstellen zu können, auch wenn diese nicht in den Kanon der so genannten Moderne hineinzupassen scheinen…“(Dieter Brusberg).
Kontakte des Galeristen Klaus Werner (die Galerie ARKADE in Berlin wird 1981 geschlossen), zur Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Berlin (Ost) ermöglichen erste Videoprojekte und Dokumentationen von Aktionsveranstaltungen mit Hilfe daselbst ausgeliehener Videokameras. 1981 führt Michael Morgner die Aktion M. überschreitet den See bei Gellenthin. Der Versuch, das Wunder Christi, die Überschreitung des Sees Genezareth nachzuahmen, endet mit dem Untergang des Künstlers. Weniger als blasphemischen Akt denn als Paraphrase gedacht, erwächst aus diesem Untergang das Gleichnis auf die Vergeblichkeit kommunistischer Zukunftsversprechen.

Kunst der Übergangsgesellschaft
1990er Jahre

Der wirtschaftliche und politische Bankrott der DDR und die damit verbundene Implosion und die deutsche Wiedervereinigung trifft die Künstler empfindlich. Glauben doch die meisten von ihnen an die Reformierbarkeit des Systems, an einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Die Angst vor neuen Verhältnissen, vor Bedeutungsverlust und vor den Künstlern aus dem Westen, sorgt für vielfältige Verunsicherungen und prägt den Widerstand gegen die Auflösung der DDR. Nicht wenige Künstler, die bis 1990 engagiert in der ersten Reihe der Aufklärer für mehr Freiheit und Demokratie zu finden waren, verfallen in eine Art Lethargie und beobachten die politischen Entscheidungen mit Skepsis. Ihre Bedenken und Ängste transportieren sie in Bilder, in denen sie sich als Verlierer sehen. Jüngere Künstler, die ohnehin auf kritische Distanz zur staatlichen Kulturpolitik gegangen waren, empfinden das Ende der DDR als Befreiung und machen sich auf, die neue Freiheit zu genießen und sich in die internationale Kunstszene einzumischen. Da sie die Postulate der Gesellschaft ohnehin unterlaufen haben, können sie dem von gegenseitigen Vorwürfen bestimmten Ost-West-Dialog, der die Kommunikation über Kunst und Künstler fast ein Jahrzehnt auf emotionale Weise belastet, wenig oder nichts abgewinnen. Während die einen in Kontinuität am einmal begonnenen subjektiven Lebens- und Weltentwurf weiterarbeiten, verlassen andere die gewohnten und einträglichen Gestaltungswege und wechseln ins Lager
der Alleskönner. Wieder andere ziehen sich auf unverbindliche Positionen zurück, fertigen statt der Menschenbilder nunmehr Naturstücke, Landschaften, Stillleben. Einige wenige wechseln die Profession. Junge Künstler organisieren interdisziplinäre Kunstformen unter Einbeziehung neuer Medien. Die legendäre Leipziger Schule erfährt eine zweite internationale Auflage und erzielt mit realistischen Bildern und gesellschaftskritischem Zeitgeist weltweite Anerkennung. hs/mv
 
 
 
kontakt: herbert.schirmer@web.de