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Ich schaffe das! Karikaturen von Karl-Heinz Schoenfeld
Ausstellung vom 5. Februar 2017
Galerie des Kulturbundes im Güldenen Arm in Potsdam
Hermann-Elfflein-Straße
Laudatio:

Zeichnen ist für Karl Heinz Schoenfeld auch im Alter kein Selbstzweck, sondern eher und - die Ausstellung belegt es deutlich - Lebenselixier und gesellschaftskritische Diagnostik. Seit Jahrzehnten in einem der schönsten Berufe der Welt damit befasst, das wirklich Relevante aus der allgegenwärtigen Informationsflut herauszufiltern und es mit beißendem Spott, hellsichtig und humorvoll, radikal, bisweilen schrill und gern auch subtil, auf den Punkt zu bringen. Er bleibt seinem Anliegen treu, in der faktischen, oder postfaktischen oder alternativ faktisch definierten Wirklichkeit Bilder zu produzieren, die eine gesunde Skepsis gegenüber normativen Weltbildern provozieren. Im Ringen um universelle Wahrheit nutzt der Vollblut-Karikaturist das besondere Vermögen dieser Kunstform als Werkzeug zur Erkenntnis und zur Verständigung, das sich an das Auge wie den Geist gleichermaßen richtet. Mal tagesaktuell, mal vorausschauend-weitsichtig, stets kritisch-polemisch, auch zeitlos und die unterschiedlichsten Menschen durch schauend, treffen gerade in seinen verfremdeten Porträtkarikaturen inhaltliche und formale Zuspitzung, Konzentration auf das Wesentliche und schlaglichtartiger Ausdruck zusammen. Der geschulte Blick für das Charakteristische der jeweiligen Persönlichkeit und eine ausgeprägte Vorstellungskraft für die überspitzte Interpretation der Porträtierten sind Ausdruck von vitalem Intellekt und politischem Engagement, aber auch von hohem, zeichnerischen Können. Trotz erkennbarer Vorliebe für Angela Merkel mit dem Wir-Ich-Schaffen das, Wladimir Putin als lupenreinen Demokraten, oder dem Polit-Novizen Trump, fischt der Satiriker nicht nur in politischen Sumpfgebieten und anderen Niederungen des Banalen. Dafür reizen ihn viel zu sehr gesellschaftliche und zwischenmenschliche Beziehungen und Irrtümer. Letzten Endes aber entscheidet die thematische Brisanz, die besondere Idee und der Witz des Einfalls sowie eine geistreiche Formulierung, wer sich auf der Schoenfeld´schen Bühne spreizen darf. Nicht von ungefähr provoziert das subversive Potential des populären Mediums Karikatur dazu, von einem breiten Publikum kommuniziert zu werden und der damit verbundenen Kritik langfristig zu gesellschaftlicher Akzeptanz zu verhelfen. Versetzt doch gerade die Karikatur die Betrachter in die Lage, tiefer in die zentralen Diskurse unserer Gegenwart einzudringen. Als wacher Zeitgeist greift Schoenfeld jegliche vermeintliche Erhabenheit an, um durch Deformation, die erniedrigenden, grausamen und dummen Aspekte menschlicher Befindlichkeiten auf- und anzugreifen. In keinem Fall attackiert er die Schwächeren einzig zum Zwecke der Belustigung, er greift diejenigen an, von denen er erwartet, dass sie, dank ihrer Macht, die Welt ein wenig besser machen können. Biografisches Stenogramm: Geboren 1928 in Schmachtenhagen bei Oranienburg, ein Jahr vor dem großen Börsencrash und der sich anschließenden Weltwirtschaftskrise. Frühe Kindheit in den Jahren, als die soziale Verelendung breite Bevölkerungskreise für die Parolen der Nationalsozialisten empfänglich machte und die zuletzt von Frauke Petry in seltener Geschichtsvergessenheit rehabilitierte "völkische Gemeinschaft" gegen die pluralistische Demokratie in Stellung gebracht wurde. Politische Prägung erfuhr er vor allem durch das sozialdemokratisch positionierte Elternhaus und durch Begegnungen mit Häftlingen des nahegelegenen KZ Sachsenhausen. Nach dem Krieg erfolgte das Studium der Malerei an der Charlottenburger Hochschule für Bildende Künste bei Carl Hofer. Dieser traf eine folgenreiche Vorentscheidung, in dem er ihm eines Tages kurzerhand empfahl: "Schoenfeld, hören Sie auf mit der Malerei - Sie haben einen komischen Strich. Gehen Sie in die Grafik!" Schoenfeld glaubte zunächst, sich verhört zu haben, doch dann grollte er nicht lange und perfektionierte diesen komischen Strich in den nächsten drei Jahre am Institut für Pressezeichnen in Berlin. Mit Beginn der Blockade 1948 beendete er das kurze Intermezzo bei der 1947 in Ostberlin gegründeten Tageszeitung JUNGE WELT und wechselte nach Berlin (West). Fortan pflegte Karl-Heinz Schoenfeld den obsessiven Umgang mit dem Metier der Zeichnung als tagespolitisch relevantem Medium. Mit erkennbarer List reißt er seitdem Tabus nieder und rückt zeichnerisch den alltäglichen Wahnsinn und politische Gedankenlosigkeit in den Fokus seiner zeitsatirischen Betrachtungen und Analysen. Als angestellter Schnellzeichner mit täglicher Lieferfrist war er von 1960-74 für die Bild-Zeitung und von 1975-2009 für das 1948 gleichfalls von Axel Springer gegründete "Hamburger Abendblatt" tätig. Nebenher ergab sich die freie Mitarbeit für die Die Neue Zeitung, Basler Zeitung, Tagesspiegel, Wiener Forum, New York Times, Hör zu, Neue Ruhr Zeitung, Tagesspiegel, Neue Presse, Die Rheinpfalz, Münchner Merkur, Offenbach-Post, Neue Osnabrücker Zeitung und Südkurier. Seit nunmehr 71 Jahren als satirischer Künstler im politischen Geschäft tätig, scheint Karl- Heinz Schoenfeld für eine übergreifende Geschichtsbetrachtung geradezu prädestiniert. Geht doch parallel mit der eigenen Lebenskurve ein Zeitalter zu Ende, das vom Kampf der Systeme erst im Heißen, dann im Kalten Krieg, von Diktatur und Demokratie und aktuell vom Überleben bürgerlicher Werte gekennzeichnet war und ist. Schon Heinrich Mann erwies sich in seinen 1943 verfassten, autobiografischen Betrachtungen "Ein Zeitalter wird besichtigt", als Verfechter der Ideale von Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Wie der Schriftsteller mit dem Wort, sieht sich Karl-Heinz Schoenfeld mit dem Bild in der Tradition der europäischen Aufklärung, provoziert durch ein zuletzt wieder häufiger in Erscheinung tretendes, spezifisch deutsches Misstrauen wider den Geist, das schon Heinrich Mann ein Dorn im Auge war. Deshalb auch arbeitet sich Karl Heinz Schoenfeld am Reiz des Widerspruchs zu konstatierten Missständen ab, befreit sich zeichnend aus dem Dilemma zwischen Realität und Ideal, zwischen seiner Auffassung und seiner Umwelt. Von daher betrachtet, kann es für den Rastlosen kein Ausruhen auf dem Altenteil geben. Er weiß wohl um die Gefahren und die jüngste Gegenwart gibt ihm recht darin, dass nicht erst seit Donald Trumps Inthronisierung eine Politik mit erkennbar um sich greifenden irrationalen Impulsen auf dem Vormarsch ist. Fest steht, dass in Politik und Gesellschaft schlummernde komische Potential in seinen Karikaturen eine unmittelbare Pointierung erfährt, die neue Assoziationsfelder und Erkenntnishorizonte eröffnet, wobei im entlastenden Lacheffekt ein Wahrheitsmoment liegt, der in der Symbiose von Journalismus und Karikatur bestens aufgehoben scheint. Wahrscheinlich sorgt die erklärte Absicht, mit der Karikatur als Vermittlungsmedium an der Umgestaltung der Gesellschaft mitzuwirken, dafür, Veränderungsprozesse anzustoßen und trotz ungezählter Rückschläge den Mut nicht zu verlieren, dafür, im Geist jung, enttäuschungsresistent und kämpferisch zu bleiben.
Laudatio von Herbert Schirmer, 5. Februar 2017, Galerie Güldener Arm in Potsdam

 
 
 
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