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Laudatio Glaskunst von Beate Bolender im mdr Leipzig 6/9/11
Wer der Versuchung unterliegt, Mitglied in Beate Bolenders offener Gesellschaft zu werden, wird sogleich konstatieren, wie bewundernswert und unbeirrt sie sich mit den Möglichkeiten der Glasgestaltung auseinandersetzt und dabei auf konzeptuelle Legitimierungen verzichtet. Ihre polychromen, meist figuralen Objekte, die sich vom Erbe mittelalterlicher Kirchenfenster bis auf den Expressionismus und die Pop Art in eine lange Traditionslinie stellen, ironisieren diese Herkunftsverweise auch wieder, indem sie über die Spur von Hand und Werkzeug, über die Destabilisierung der Körpergestik und über die Größenverhältnisse gelegentlich an „Schnitzwerk“ erinnern. Gemeinsam sind allen Objekten die Verbindung von künstlerischer Qualität und Originalität und der hohe Standard der kunsthandwerklichen Ausführung. Beides ist weniger auf unstillbaren Ehrgeiz zurückzuführen, sondern auf ungebremste Experimentierlust und permanente Suche nach optimalem Ausdruck.
Gestalterisch ist es ein Spiel mit Flächen und Linien, mit Formen und Farben, um ein spannungsreiches und vom Erzählduktus interessantes Gesamtbild zu entwickeln. Anstöße hierzu können ebenso im heimischen Garten der gläsernen Lüste erfolgen, wie in der Verbotenen Stadt in Peking, wo Rot auf Gold trifft und sich mit dem Licht zu zauberhaften, imaginären Räumen verbindet. Nach der langen Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn war sie überwältigt von den optischen Eindrücken höchster Leuchtkraft und facettenreicher Effekte, die sie verinnerlichte, um sie im bildnerischen Gedächtnis für kommende Vorhaben zu speichern.
Neben der nach Jahrtausenden zählenden Kulturgeschichte des Glases fasziniert Beate Bolender vor allem das kunstgeschichtlich verfügbare Archiv der Moderne. Dessen Strukturenrepertoire entlehnt sie ein vielseitig einsetzbares Instrumentarium für die eigene künstlerische Praxis, das auf originelle Weise zu spielerischen Varianten moduliert wird. Dabei dominieren Sinnlichkeit und Formbewusstsein, Improvisation und Integration, sowie ungewöhnliche Materialkombinationen und die zum geistigen Potential werdende Lichtenergie. Damit das Ganze sich nicht im Artifiziellen erschöpft, befindet sie sich in ständiger Kooperation mit der Natur, bleibt deren Schöpfungsgeheimnissen auf der Spur. Gerade im Reich der biologischen Systeme entdeckt sie immer wieder neue Gestaltungsprinzipien, die sie für ihre eigene, ungewöhnliche und farbintensive Formensprache adaptiert.
Gewohnt, in strukturellen Beziehungen und gesellschaftlichen Bezügen zu arbeiten, liegt es ohnehin nicht in ihrer Absicht, artistische Faszinationsobjekte in edler Einfalt zu produzieren. Im Gegenteil. Sie meidet das Opulente, setzt eher auf die Poetik des Fragmentes, dessen Fragilität sich häufig genug als essentielle Ausdrucksmöglichkeit erweist. Erkenne Dich selbst, aber nicht zuviel, erinnert sie im Gespräch eine Losung an einem antiken Tempel des Apollon, um gleich darauf dem lautmalerischen Pathos von Menschheitserweckern zu misstrauen. Sie hegt eine gesunde Skepsis gegenüber stilistischen Verabredungen und übt sich erfolgreich in der Geringschätzung von gestalterischen Vereinbarungen und Konventionen. Letzten Endes ist es mehr ihr eigensinniges bildnerisches Talent, das sie, von Sehnsucht nach unerfüllten Wünschen getrieben und von innersten energetischen Eruptionen aufgeladenen, zu neuen Werkideen führt.
In Beate Bolenders Figurationen dominieren Glas und Stahl, deren materielle Gegensätze sie fortgesetzt zu neuen Gestaltfindungen herausfordern. Diesen verleiht sie mit der Farbfassung eine malerische Aura, welche die Volumen- und Konturenverhältnisse der Skulpturen und Objekte im Klang der Töne wieder aufzulösen scheinen. Dabei entstehen ebenso komplexe wie in sich stille Werke, die unsere ungeteilte Aufmerksamkeit verdienen, zumal ihre physische Präsenz und die nach Außen gerichtete expressive Gebärde im Umkehrverfahren als Blick ins Innere zu lesen ist. Einziges Kontinuum: Skulptur, Malerei und Licht gehen bei ihr stets eine subtile Symbiose ein. Ohne ihre Figuren voyeuristisch preiszugeben, ohne individuelle Physiognomien zu formen, hebt Bolender durch Typisierung und Stilisierung selbige ins Überindividuelle, ins Allgemeine, das im Zeitlosen aufgehoben scheint. Eine offene Gesellschaft eben, in der die Vielfalt der Erscheinungsformen zwischen Ideal und Hybrid wechseln und in der die Grenzen zwischen Skulptur, Installation, Objekt oder Aktion fließend erscheinen.
Höchste Zeit, den Meditationsstuhl aufzurufen! Dieser geheimnisumwitterte, vom funktionalen Nutzen wie von der künstlerischer Autonomie bestimmte Hochsitz, in der Leipziger Version von therapeutischen Gestalten in poppiger Farbigkeit flankiert, entfaltet seine skulpturalen Qualitäten im Spannungsfeld zwischen Kunst und Design sowie durch die systematische Kombination mehrerer Ausgangsmaterialien. Auch wenn die materiellen Qualitäten des Glases in jeder Form für den Betrachter überprüfbar erhalten bleiben und Komposition, Oberfläche und Farbigkeit auf das ästhetisch Wesentliche zugespitzt sind, haben die einzelnen Bestandteile keine spezifische Dominanz, sondern kommen in ihrer jeweils objektiven Erscheinung zur Geltung. Zugegeben, das Glas schert aus. Vor allem die Farbverläufe und die von der Lichtintensität abhängig reflektierende Oberflächen können mal dichter und spiegelnder, mal transparenter und offener erscheinen und die Symbiose verschiedener Materialien in belebende Schwingungen versetzen. Je nach Lichteinfall, entwickeln die farbigen Glasfelder eine psychologische Wirkung, die sich in ihrer spirituellen Eigenheit auf die Universalität des großen Ganzen bezieht.
Apropos Licht! Auf die Tatsache, dass fast alle Kulturen das Licht als Leben spendendes Element deuten, welches gern und vorschnell mit dem Guten, Wahren und Schönen identifiziert wird, reagiert die antischwärmerisch veranlagte Beate Bolender eher zurückhaltend. Sie versucht, das Atmosphärische unromantisch, das Fluidum zwischen den Dingen und Erscheinungen, die diskursiven Beziehungen zwischen Bodenhaftung und Feierlichkeit unter der Regie von Licht und Raum zu fassen. Darum gibt es in ihren Objekten keine Verfügbarkeit, keinen Schlüssel im Sinne eines bestimmten Anliegens. Sie verfolgt kein vorbestimmtes Ziel, kein besonderes Interesse und verzichtet demzufolge auch auf konkrete Raum-Zeit-Beziehungen. In diesem Sinne tritt eine bildnerische Konzeption in Kraft, in der das Werk als eine Art Ereignis mit eigener Zeitrechnung und eigenem Raumempfinden erscheint. Von daher betrachtet, endet es nicht in einem wie auch immer gearteten gesellschaftlich notwendigen Diskurs und bietet demzufolge auch keine Projektionsfläche für Theorienbildung.
Ob raumgreifende Installationen, ob von zeichenhaften Chiffren geprägte Kompositionen, wieder auferstandene Aliens oder auch die gläserne Ljuba – das Pendant zum Hollywood-Oscar des Cottbuser Osteuropa-Filmfestivals – den zwischen Tradition und Ausdrucksfreiheit wechselnden Objektgestaltungen von Beate Bolender wird gelegentlich nachgesagt, dass sie wenig erklären, aber dank geheimnisvoller Ausstrahlung viel bedeuten und – dass sie sich der Interpretationswut von potentiellen Bilderläuterern – besonders wenn diese sich in Gestalt von Eröffnungsrednern zu erkennen geben - regelrecht verweigern. Mit dieser späten Einsicht möchte ich Sie nun, meine Damen und Herren, aus ihrer höflichen Erstarrung erlösen und ihnen den Weg zur Glaskunst von Beate Bolender frei geben. Vergessen Sie, was sie soeben gehört haben und vertrauen sie einfach darauf, was ihre Augen sehen.
Herbert Schirmer zur Eröffnung der Ausstellung „Offene Gesellschaft“ – Glaskunst von Beate Bolender, Leipzig, mdr, 06.09.2011
 
 
 
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