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Helmut Wenzel. Expressive Bildorganismen. Ausstellung in Wittenberge
Was passiert hier eigentlich? Was geschieht auf den Leinwänden von Helmut Wenzel? Warum wird aus Weiß plötzlich Blau, warum überzieht das flammende Rot das Weiß in der Nachbarschaft mit einem zartrosa Flimmern? Und warum erzeugen die gelben Farben eine visuelle Dynamik? Warum entstehen durch leuchtende Kontraste und energetische Farbflecken plötzlich lodernde Farbräume, strukturiert von aktiven Graphismen? Nutzt hier wer Sinneswahrnehmung und Phänomene der Optik, um das Auge des Betrachters zu mobilisieren, sich zwischen Wirklichkeit und Vorstellung eine dritte Dimension zu erschließen? Werde ich durch das raffinierte Nebeneinander von Farben, die sich stellenweise verdichten und an farblicher Intensität zu nehmen, gar manipuliert, die Zensur des Verstandes zu umgehen, den festen Willen auszuschalten und mich der Eigendynamik des Farbmaterials anzuvertrauen? Und braucht es, um die geistig wirkenden Kräfte des Kosmos zu verdeutlichen, tatsächlich die Abstraktion als Äquivalent? Verstellt mir dann nicht der Begriff von der exergonischen Malerei den Zugang? Gerate ich hier ins Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Esoterik? Und wenn ja - schließt rationales Denken irrationales tatsächlich aus? Also was bedeutet, auf die Kunst bezogen, exergonisch? Zunächst und vereinfacht ausgedrückt, handelt es sich um die Fähigkeit, Energie abzugeben, sie auszutauschen. Helmut Wenzel vertritt eine Kunstauffassung, bei der Farbe als beseelte Materie im doppelten Sinne erfahrbar wird und als solche im Betrachter eine vom Künstler beabsichtigte Sensiblisierung hervorruft, was im günstigsten Fall eine Erweiterung des Wahrnehmungshorizontes zur Folge hat.
Wer Helmut Wenzels licht-und farbintensiven Bilder unvoreingenommen betrachtet, dem wird klar, dass hier einer seine ganze Leidenschaft und Erlebnisfähigkeit den Farben anvertraut hat. Geradezu schwelgerisch drücken sich die Empfindungen des Malers im Klang der heiteren und scheinbar schwerelosen Farbakkorde aus. Hier geht einer zu Werke, der während des Malprozesses alle seine Energien auf das Bild fokussiert, um sie in eine Malerei mit temperamentvoller Dynamik und klangvollen Harmonien zu verwandeln. Der Zufall der spontanen Handschrift, die wiederum durch einen erkennbaren Kontrollsinn gebändigt wird, sorgt dafür, dass explosive Energien, gesteuerter Zufall und abgezirkelte Ordnung einander gegenüberstehen. Letztlich kommt es aber immer zu einer Synthese aus spontaner Eroberung der Bildfläche als Aktionsfeld, wie wir sie vom Abstrakten Expressionismus oder der Action painting kennen und der wohlüberlegten Bildordnung. Helmut Wenzel reibt sich aber nicht nur in produktiver Auseinandersetzung an verschiedenen Strömungen der Moderne, die ihn zu eigener abstrakter Gestaltung geführt hat. Er befasst sich nachhaltig mit optischen Gesetzen, mit Sehphänomenen, mit ästhetischen Verhältnissen, mit Proportionen, Rhythmen und Farben, mit gleichgewichtiger Behandlung von Farbflächen und grafischen Zeichen, deren spontan gefundene Improvisationen zu objektiven Chiffren verknappt werden. Meist von einem Grundton ausgehend, moduliert er die Farbakkorde in die Bildfläche, in der Farbe neben ihrer gestalterischen, raumschaffenden Eigenschaft, durch Intensität und Qualität zur alleinigen und eigenständigen Bildaussage wird.
In der konsequenten Ablösung vom Gegenstand sieht Helmut Wenzel die Freiheit, das ideelle wie das psychische Spektrum gleichermaßen zu bedienen, die Farbe als sinnlich erfahrbare Oberfläche zu durchdringen und dank seiner meditativen Haltung zur Wirklichkeit das Geistige in die Materialität der Farbe zu transformieren? Während er den Emotionsgehalt verschiedenster Töne kalkuliert, ihren Erregungsgehalt freisetzt, Beziehung der Farben untereinander thematisiert, vollzieht er den freien Malakt als unmittelbaren Ausdruck geistiger Impulse. Losgelöst von jedweder Wirklichkeitsvorstel-lung arbeitend, sieht er im Unbewussten die Quelle seiner schöpferischen Auseinandersetzung, gewissermaßen den Geburtsort seiner ästhetischen Setzungen. Andererseits haben die Entdeckungsfahrten ins Unbewusste immer auch etwas mit ihm selbst zu tun. Wechselnde Stimmungen im Verlaufe eines Tages, alltägliche Vorkommnisse und aktuelle Ereignisse bilden ebenso den Nährboden für die künstlerische Arbeit, die durch eine vibrierende Spannung zwischen Realem und Imaginärem, durch ein vitales Miteinander abstrakter Formen, modulierter Farbqualitäten und energetischer Lichtpotenz ganz allmählich zu einem Meditationsfeld entwickelt wird. Dessen Intensität beruht meines Erachtens auf drei Stützen: Auf der Wahl der psychischen Farben, ihrer äußerst emotionsgeladenen Verarbeitung und der ausschließlichen Verwendung von Farbzonen. Dabei ist neben der Farbwahl der leidenschaftliche Farbauftrag entscheidend, vor dem sich häufig energisch niedergeschriebene Linienbündel entfalten. Innerhalb der ausdrucksstarken Malerei entwickeln diese Feinstrukturen ein verwirrendes, gleichwohl anregendes Eigenleben. In den jüngst entstandenen Bildern ist die Verbindung farbiger Malgründe und aktiver grafischer Pinselzüge bestimmender geworden, wobei gerade die abrupten Strichlagen im Dialog zwischen farbigem Grund und grafischer Aktion deutlichen Ereignischarakter tragen.
Auch wenn abgewandelte geometrische Grundformen gleichberechtigt mit amorphen oder biomoprhen Gebilden in einem offenen System zueinander finden, oder vergrößerte Zellstrukturen vor hellem Grund schwebend, die Vorstellung eines unendlichen Universums provozieren, in jedem Fall ist es ein sinnlicher Genuss, den formalen Verquickungen von Farben, Flecken und Linien in Helmut Wenzels Bildkosmos zu folgen und immer wieder neu unverhoffte Entdeckungen zu machen. Was sich bei als vegetabile Wucherungen, Phantasie-Topografien und kontrastierenden Phantasmorgien zu erkennen gibt, könnte man weniger fremdwortsüchtig als Übertragung von psychischer Erregtheit in Bildspuren, als veranschaulichte Emotionen bezeichnen, die das im Innersten Verborgene zutage fördern. Jenseits des Logisch-Rationalen erhält im Miteinander von Linien, Farben und begrifflosen Formen in einem offenen, nicht verifizierbaren Raum ein gesteigertes Lebensgefühl Ausdruck, das sich als Sinnsuche außerhalb der Realität zu erkennen gibt. Hinter dem Bemühen, den Seinszusammen-hang zwischen Mensch und Natur zu reflektieren, kosmische Energie freizusetzen und mit geistiger Energie aufgeladene, existenzielle Schauplätze im Austausch anzubieten, wird letztlich auch die Sehnsucht nach einem neuen spirituellen Zeitalter sichtbar. Ob wir Utopie-Geschädigten dieses Zeitalter in Kürze, sehr viel später oder überhaupt nicht erleben werden, hängt sehr zu meinem Bedauern weder von Helmut Wenzels expressiven Bildorganismen, noch von seinem visionären Bilddenken ab.
Herbert Schirmer, Laudatio in Wittenberge, am 28.11.2012


 
 
 
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