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JUNGE KUNST IM AUFTRAG
Auf der Suche nach universellen Zeichen für menschliche Grundsituationen entstanden Sinnbilder, die für das Große und Ganze menschlicher Existenz standen. Mit der Erweiterung des figurativen und abstrakten Ausdrucksspektrums war die Entwicklung eigener Utopien und die Schaffung eigener Denkmodelle und Welten gefragt. Und so wurden schon vor der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl Ängste und Bedrohungen bildwürdig, wurden Brüche und Fragestellungen der 1980er Jahre thematisiert und gegen den Alltagsfrust gesetzt. Mit der Rückbesinnung auf die menschlichen und existentiellen Funktionen von Kunst traten junge streitbare Künstler gegen die Vereinnahmung derselben durch Partei und Staat auf. Zum Zeitpunkt der Auftragsvergabe durch den Zentralrat der FDJ waren die Zeichen des gesellschaftlichen Stillstandes ohnehin nicht mehr zu übersehen, was die Entscheidung zwischen dem gewünschten Dienst an der Gesellschaft und der Gewichtung der Kunst als Medium des eigenen Befindens nachhaltig beeinflusste. So verschiedenen die gesellschaftlichen und künstlerischen Positionen der Maler auch waren, so stark war ihr Wunsch nach Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und individueller Freiheit. Dabei begehrten die wenigsten von ihnen offen auf, vielmehr suchten sie im künstlerischen Schaffen ihren eigenen, oftmals mehrdeutigen Weg durch die autoritären Verhältnisse in der DDR.
Für die Eröffnungsrede habe ich drei Bilder ausgewählt von Studenten, die zu Beginn der 1980er Jahre an der Leipziger HGB studierten. Die Leipziger Hochschule war die einflussreichste Lehranstalt des Kunstsystems in der DDR. An keiner der anderen Schulen waren der sozialistische Realismus und seine Gegenentwürfe so nahe bei einander wie hier. Hier hatte Bernhard Heisig, assistiert von Hartwig Ebersbach, 1979 eine Experimentalklasse ins Leben gerufen, die zwei Jahre später verboten wurde. Nur hier gab es Begegnungen mit internationaler Kunst der Klassischen Moderne und Positionen westlicher Gegenwartskunst zu sehen, darunter das zeichnerische Frühwerk von Joseph Beuys. Diese Offenheit dürfte sehr wahrscheinlich dazu beigetragen haben, dass die Studenten gegenüber den Lebensverhältnissen und dem Zustand der Gesellschaft einen Realismus ohne Adjektiv entwickelten.
Nehmen wir Roland Borchers Bild "Im Turm", das sehr viel vom Lebensgefühl der damals jungen Generation vermittelt. Die surreale Szenerie zeigt eine verschachtelte Turmkonstruktion, aus der es scheinbar kein Entrinnen gibt, in deren ausdrucksreichem Zusammenspiel von Licht, Form, Farbe und Bewegung die Absurdität des Daseins im geschlossenen System Gestalt annimmt. In dem bis zum Bersten aufgeladenen Bild wimmelt es geradezu von Zitaten, Bezügen und Gegensätzlichkeiten. Das enge Beieinander von Überlebensmetaphern, die förmlich auf- und ineinander prallen, werden von einem ahnungsvollen Innehalten des Selbstporträts kommentiert. Im Gegensatz zu Bernhard Heisigs "Turmbau zu Babel", der mit Borchers "Im Turm" die gegenständliche Fülle teilt, erweitert Letzterer die Heisig´schen Archetypen der Gewalt und Verfehlungen um die Figur des Erlösers. Biblische Stoffe in gleichnishaft-bedrängender Aktualität darzustellen, war, ebenso wie die Befragungen antiker Mythen, eine wiedererkennbares Markenzeichen der Leipziger Schule. Obwohl Verweise auf das Alte und das Neue Testament, historische und politische Bezüge eine gesellschaftliche Verbindlichkeit herstellten, die eher nicht zum Kanon der Argumentationsmuster des sozialistischen Jugendverbandes gehörten, wurde Borchers Bildfindung vom Auftraggeber akzeptiert. Gegenüber hängt ein Bild, das es eigentlich nicht gibt. Eigentlich, denn Neo Rauch lehnt diesen Teil seiner Diplomarbeit ebenso ab wie alle Werke, die vor 1993 entstanden sind. Seitdem vermeidet Rauch, der seinerzeit mit Borchers und Axel Krause eine Ateliergemeinschaft gebildet hat, das Eindeutige in seinen Bildfindungen. So auch bei diesem frühen, emotional verhaltenen Ausbruch seines Ich-Gefühls mit Spuren ausdrucksbereiter Selbstbehauptung, in dem sich Unentschiedenheit und Orientierungslosigkeit manifestieren und - wenngleich um Einiges verhaltener - Anklänge an Heisigs malerische Verdichtung und Sinnbildhaftigkeit sichtbar werde. Nach dem Studium bei Arno Rink war Neo Rauch von 1986-90 Meisterschüler bei Heisig, über den er Jahre später sagen sollte: "Heisig war mir damals einfach zu dominant, zu wuchtig, zu despotisch, und ich merkte ja, wie ein kleiner Heisig nach dem anderen das Gebäude verließ". Rauch, der inzwischen Tendenzen des sozialistischen Realismus und des Surrealismus verarbeitet, der sowohl begeisterten Zuspruch wie auch harsche Ablehnung erfährt, arbeitet aktuell und kontinuierlich an der Wiederverzauberung der Welt. Und das tut er virtuos, intelligent und oft auch ironisch mit illusionistischen und abstrakten Bildzonen.
Als Dritten im Bunde nenne ich den bereits erwähnten Axel Krause mit dem Tryptichon "Fasching", in dem er in altmeisterlich-satirischem Stil eine Art existenzialistischer Selbstuntersuchung betreibt. Der 1979-84 bei Heinz Wagner und Hartwig Ebersbach Studierte war Meisterschüler bei Arno Rink. In diesem Auftragswerk setzte er auf technische Raffinesse und ein an der Kunstgeschichte geschultes Bildsystem, in dem Verismus und Neue Sachlichkeit den Ton angeben. Man sieht an sich und an der Welt leidende Personen in verschiedenen Realitäten und Milieus, die über Vorgefallenes oder Kommendes nachdenken, sinnieren, die andere Menschen beobachten, die, maskiert oder auch nicht, Alltagsbeschäftigungen nachgehen oder diese vortäuschen oder einfach nur warten. Die unterkühlte Darstellung verweist nicht nur durch das Selbstproträt auf dauerhafte Selbstbefragungen und flimmernde Ich-Überblendungen des inzwischen exponierten Vertreters der neuen Leipziger Schule.
Herbert Schirmer
Bildunterschriften:
1. Denkmal Kulturhaus Mestlin (2017)
2. Blick in die Doku-Ausstellung zur Geschichte der FDJ-Hochschule "Wilhelm Pieck" in Bogensee, 1990 geschlossen
3. Bilderstellen in der Ausstellung
4. Blick i. d. Ausstellung mit Werken von Axel Krause, Eckart Böttger und Frank Dierchen
5/6. Blick in die Ausstellung
7. Grafik-Zyklus von Elke Riemer
8. Vor dem Konzert. Veranstaltungsaal im Erdgeschoss des Kulturhauses
9. Marx-Engels-Platz in Mestlin


 
 
 
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